Angstgesteuert: Kommunikation in Zeiten von Corona

Von Mirja Stöcker
Noch vor wenigen Wochen warnten große Teile des Landes vor populistischer und starke Emotionen schürender Kommunikation. Doch seit Corona ist alles anders: Angst bestimmt die Kommunikation der Politik und der obersten Gesundheitsbehörde, dem Robert-Koch-Institut. Und die meisten finden das ganz passend so. Der Effekt ist schrecklich: Menschen gehen nicht mehr zum Arzt und Kinder werden vernachlässigt. - Über irreführende Botschaften, den tendenziösen Umgang mit Zahlen und ethische Prinzipien der Kommunikation.

"Wenn man nicht überlebt, ist es mit Freiheitsrechten auch vorbei“, sagt Winfried Kretschmann. "Auch junge Menschen können schwer erkranken - und sterben", warnt das Robert-Koch-Institut." Und der vielleicht häufiste Satz deutscher Politikerinnen und Politiker der letzten Wochen lautet: "Gesundheitsschutz geht vor". Der Souverän, noch vor wenigen Wochen zu beträchtlichen Teilen in Sorge vor erstarkendem Populismus, dem Niedergang der demokratischen Grundordnung und emotionsgetriebener Kommunikation - er stimmt weitgehend zu. Es wird Zeit hinzuschauen, was hier wirklich gesagt wird.

Woran sich Kommunikation orientieren sollte

In meiner eigenen verruchten Branche gibt es einen Kommunikationskodex. Darin steht unter anderem, dass wir Marketer und Werber das Vertrauen unserer Leser- und Hörerschaft nicht missbrauchen sollen. Dass wir keine Form von Diskriminierung dulden oder gar anregen sollen. Dass wir keine Angst erzeugen sollen. Dass wir Unglück nicht instrumentalisieren sollen. Und dass wir keine Verhaltensweisen anregen sollen, die die Sicherheit unserer Zielgruppe gefährdet oder duldet. Was ist vor dem Hintergrund dieser Prinzipien von den oben stehenden Aussagen zu halten?

Corona und die Lust an totalitären Argumentationen

Winfried Kretschmann hat in gewisser Weise Recht: Wenn man das Virus nicht überlebt, ist es mit den Freiheitsrechten vorbei. Aber hat er bedacht, dass das auch für viele andere Dinge gilt? Wer den Straßenverkehr nicht überlebt, hat ebenfalls keine Freiheitsrechte mehr. Über 3´000 Verkehrstote nimmt Deutschland dennoch jedes Jahr in Kauf. Wir schränken Mobilität nicht ein, um diese Toten zu verhindern. Unglaubliche 121´000 Menschen sterben in Deutschland jedes Jahr an den Folgen von Nikotin, davon etliche Passivraucher. Klammer auf: Der Parteitag der CDU im Jahr 2018 wurde übrigens unter anderen von der Tabakindustrie gesponsert. Klammer zu.

Bei Corona ist alles anders. Man spricht von "Abwägungen", ohne zu sagen, was womit und nach welchen Kriterien abgewogen wurde. Klar ist nur: Die Freiheit darf eingeschränkt werden, weil sie nach dem Tod eh vorbei wäre. Eine Argumentation, die ihrem Prinzip nach auch jedem totalitären Regime zur Rechtfertigung von Grundrechtseinschränkungen wunderbar zupasskäme.
 

Der Absolutheitsanspruch rund um COVID-19

Es scheint nur noch eine Handlungsmaxime zu geben: "Gesundheitsschutz geht vor." Wer das sagt, will sicherlich aufrichtig menschlich sein. Er suggeriert, ein menschliches Leben habe stets Priorität und entziehe sich jeder ökonomischen Bewertung. Das klingt ethisch gut, wird aber auch in unserem Lande jenseits von Corona nicht so gehandhabt, wie das Beispiel der Verkehrstoten zeigt. Stillschweigend hat unsere Gesellschaft diese Toten nämlich monetarisiert. Zudem ist es längst kein Geheimnis mehr, dass auch der Corona-Gesundheitsschutz kein Gesundheitsschutz für alle ist. In unseren Schutzforkus sind überwiegend hochbetagte vorerkrankte Menschen gerückt, während der Gesundheitsschutz für andere Menschen ins Hintertreffen gerät. Von Kindern ganz zu schweigen. Medizinische Labore melden Kurzarbeit an, weil jenseits von Corona kaum noch Diagnostik betrieben wird. Haben wir Krebs und andere Erkrankungen bislang überbewertet? 

Die Aussage, der Gesundheitsschutz ginge vor, ist folglich in seiner Totalität als Begründung für historische Maßnahmen kaum haltbar. Das Beispiel zeigt, dass es keinen absoluten Gesundheitsschutz geben kann in einer Gesellschaft, in der Menschen frei leben. Ginge Gesundheitsschutz prinzipiell und immer vor, hätten wir die letzten Jahre bereits im Lockdown verbracht.

Wohlgemerkt: Als Texterin kritisiere ich an dieser Stelle nicht Taten. Ich kritisiere, dass Worte und Taten sowie Versprechen und Resultate nicht übereinstimmen. So auch im Folgenden:

Der Angstfokus als moralisches Totschlagargument

Wer darauf hinweist, dass es sich bei 210´000 Herzinfarkten im Jahr durchaus auf die Mortalitätsrate auswirken dürfte, wenn 30 Prozent der Kardiologiepatienten keine Notaufnahme mehr aufsuchen, oder dass ein Fünftel der jährlich 300´000 Schlaganfälle seit Corona wie vom Erdboden verschluckt sind, erntet bestenfalls kurze Betroffenheit und ein folgendes "Aber". Oder sogar den Hinweis darauf, dass ihm oder ihr noch kein solcher Herzinfarkttoter bekannt sei (so Karl Lauterbach am 26.4.2020 bei Anne Will). Das ist ein kommunikativer Leberhaken, auf den niemand stolz sein sollte. Es gibt nämlich keinen deutschlandweiten Herzinfarkttotenticker als Folge von Corona, genauso wie es keinen Verkehrstotenticker, keinen Kindesmissbrauchsticker oder keinen Depressionszähler gibt, den man der Tageszeitung entnehmen kann. Die gesundheitsschädlichen Folgen des vermeintlich absoluten Gesundheitsschutzes können erst im Nachhinein sichtbar werden. Bekannt ist aber, dass sie da sein werden.

Die manipulative Auslassung von Fallzahlen

Spätestens jetzt ist er in jeder Diskussion fällig, der nächste irreführende Leitsatz dieser Krise: Auch junge Menschen kann es schwer oder sogar tödlich treffen. So sagte es das RKI. Hochrangige Politikerinnen und Politiker sagen das auch. Anrührende Medienberichte "belegen" dieses scheinbare Faktum. Und in vielen Diskussionen scheint dies der Weisheit letzter Schluss. Was auffällt: So sehr in der politischen Kommunikation Zahlen geliebt werden, wenn sie Kommunikationsziele untermauern, so nachlässig wird hier mit ihnen umgegangen. Man lässt sie einfach weg. Ohne diese Zahlen zu nennen, ist diese Aussage zwar nicht falsch, aber verzerrend und tendenziös. Es ist eine rhetorische Auslassung. Entweder verkürzt hier die Angst die Fakten. Oder die Fakten werden verkürzt, um Angst zu erzeugen.

Verzerrend ist dieser Satz, weil er suggeriert, dass jeder junge Mensch gewichtige Gründe habe, sich vor Corona zu fürchten und jederzeit schwer davon bedroht werden könnte. Und tendenziös, weil er - bewusst oder unbewusst - dazu dient, Maßnahmen zu rechtfertigen, die jungen Menschen ganz offensichtlich überproportional schaden. Zahlen und ein Blick in medizinische Realitäten würden nämlich belegen: Ja, es kommt vor, dass junge Menschen an oder mit (was davon kann niemand sagen, solange nicht standardmäßig obduziert wird) Corona gestorben sind. Doch die überwältigende Mehrheit der Gefährdeten und Gestorbenen findet sich in der Bevölkerungsgruppe der hochaltrigen und multimorbid erkrankten Menschen. Corona ist für die allermeisten jungen Menschen keine größere Gefahr als die üblichen saisonbedingten und altbekannten Erkältungsviren. Das wird von denen, die der Bevölkerung das Virus und die zu seiner Eindämmung getroffenen Maßnahmen erklären, nicht klar kommuniziert. Mit schrecklichen Folgen. In den Kinderkliniken bleiben 50% der kleinen Patienten aus.

Angstkommunikation statt Krisenkommunikation


Mein Fazit: Die aktuelle politische Krisenkommunikation rund um COVID-19 hält sich nicht an die ethischen Kommunikationsgrundsätze, die der Werberat für uns Marketer formuliert. Sie schürt in bester populistischer Manier Angst. Es ist nicht meine Aufgabe zu beurteilen, warum das geschieht. Fest steht jedoch:

  • Die beschriebene Kommunikation diskriminiert, da sie ethische Absolutheit beansprucht, obwohl im politischen Handeln de facto eine Triage zugunsten der älteren Generation stattfindet, wie auch das Kölner Institut für Wirtschaft (IW) feststellt.
  • Sie instrumentalisiert Unglück, wenn sie die tragischen Schicksale weniger sehr junger verstorbener Corona-Patienten anführt, um Shutdown-Maßnahmen für alle zu rechtfertigen.
  • Sie regt zu Verhaltensweisen an, die die Sicherheit derjenigen Bevölkerungsteile gefährdet, die nicht zur Corona-Hochrisiko-Gruppe zählen.
  • Und sie missbraucht das Vertrauen ihrer Zuhörer- und Wählerschaft, indem sie beliebig mit Zahlen hantiert und verschleiert, nach welchen Prinzipien sie Gesundheit und Leben bereits abwägt.

Das Resultat: Massenhaft verunsicherte Menschen. Eltern, die in übertriebener Weise Angst um ihre Kinder haben. Gesunde Erwachsene, die sich fürchten, zur Arbeit zu gehen. Kranke, die zu Hause bleiben statt den Arzt aufzusuchen. Misshandelte und gesundheitlich vernachlässigte Kinder, denen die Gesellschaft abverlangt, für das höhere Ziel durchzuhalten. 

Angst ist einmal mehr ein schlechter Ratgeber. Und ein noch schlechterer Kommunikator.

06.04.2020

Kategorie: Kommunikation

Notwendige Cookies akzeptieren
Notwendige Cookies
Diese Cookies sind für die korrekte Anzeige und Funktion unserer Website.
Analyse
Diese Cookies ermöglichen uns die Analyse Ihrer Website-Nutzung.
Details >Details ausblenden