"Bleiben Sie gesund!" Pro und Contra Corona-Floskeln

Von Mirja Stöcker
Statt oder mit den "freundlichen Grüßen" lesen wir in E-Mails, Briefen oder Chats seit Wochen "Bleiben Sie gesund". Ein Herzenswunsch, der Solidarität bekundet? Oder Ausdruck einer neuen Gesundheitstyrannei? Krisenkommunikation unter der Texter-Lupe.

Pro: Die empathische Grußformel

Nicht wenige Menschen empfinden die Ära von Corona als Chance für einen neuen Zusammenhalt. Wo wir alle im selben Boot sitzen und wo niemand sich selbst, wohl aber den Anderen effektiv schützen kann, achtet man mehr aufeinander, nimmt man mehr Anteil. Und so liegt es doch nahe, sich der gemeinsamen Bedrohung der Gesundheit durch das Virus durch einen neuen wohlmeinenden Wunsch entgegenzustemmen: In diesem Sinne ist "Bleiben Sie gesund" das neue "Passen Sie auf sich auf" oder "Haben Sie eine gute Zeit". Die Sehnsucht nach mehr Miteinander war schon vor Corona groß. Nun bekommen wir es zwar nur online, aber vielleicht lässt sich dennoch die Chance nutzen, mehr Mitgefühl füreinander zu zeigen. Auch in der Business-Kommunikation.

Contra: Der neue kategorische Imperativ

Rein sprachlich handelt es sich hier um einen Imperativ und der drückt nun mal einen Befehl oder zumindest eine starke Erwartung aus. Wer das jetzt für Wortklauberei hält, weil auch ein freundlicher Wunsch imperativisch formuliert sein kann, dem sei entgegenet: Imperativische Werbung kommt auch nicht gut an. Und übrigens gab es auch vor Corona schon Krankheiten und gesundheitliche Risiken. Wo allein in Deutschland jährlich 121´000 Menschen an den Folgen des Nikotinkonsums sterben, über 3´000 im Straßenverkehr und noch mal 3´000 an Hautkrebs, hätte man seine empathische Ader vorher schon entdecken können. Die neue Wertschätzung von Gesundheit hingegen ist erstmals in unserer Geschichte mit der Zuteilwerdung oder Untersagung von Grundrechten verbunden. In diesem Sinne könnte im vermeintlich wohlwollenden "Bleiben Sie gesund" auch eine Ermahnung stecken. Halten Sie Abstand, rücken Sie Ihre Maske zurecht – sonst machen wir hier alles wieder dicht, gell?

Fazit: Grautöne als Gebot der Stunde

Zu Beginn der Pandemie ist mir das verbindende "Bleiben Sie gesund" etwas übereifrig über die Lippen gerutscht. In dieser Zeit verbreitete sich das Virus noch exponentiell und ich erfuhr von der COVID-19-Erkrankung eines Kunden. Immer schon hatte ich aber auch den Gedanken, dass für meine Kunden nicht bloß Husten und Fieber, sondern vor allem eine möglicherweise angeordnete Betriebsquarantäne eine Katastrophe darstellen könnte. Inzwischen denke ich: Man könnte den Blick mal wieder auf diejenigen Menschen richten, die auch ohne Corona jedes Jahr leiden oder diese Welt verlassen. Ich möchte jedenfalls nicht sagen: Wenn du COVID-19 hast, dann hast du mein volles Mitgefühl, aber mit deinen anderen Problemen komm mir bitte nicht zu nah. Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass gesellschaftliche Freiheit an den Zwang zur Gesundheit gekoppelt sein sollte. Leben ist individuell und immer auch gefährlich.

Aber: Je mehr Pro und Contra die gesellschaftliche Kommunikation bestimmt, desto offener sollte man vielleicht selbst mal wieder für Zwischentöne und die Freiheit des Anderen werden. Also: Schreiben Sie doch einfach den Gruß, der für Sie passend ist. Ich glaube, das ist gesund!

07.04.2020

Kategorie: KommunikationTexter

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