"Nach dem Tod ist eh alles vorbei" – Texter über Corona-Sprache

Von Mirja Stöcker
Krise und Besonnenheit gehen nicht unbedingt Hand in Hand. Das Texterherz schlägt jedenfalls etwas hektischer, wenn es Sätze wie diesen vernimmt: "Wenn man stirbt, ist es mit den Freiheitsrechten auch vorbei". Gesagt hat das Winfried Kretschmann, unser Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Seine "Argumentation" ist durchaus eindrücklich. Greifen wir sie auf und spinnen wir sie beherzt weiter: Auf dass uns allen in der Corona-Krise das Lachen nicht vergehe.*

*Warnung: Dieser Text ist durch und durch satirisch und somit übrigens auch nicht politisch korrekt. Verantwortung und Haftung für verletzte Gefühle werden nicht übernommen.

Wer würde denn heute noch sein Leben für die Freiheit geben?

Die Logik ist einfach: Wer in Corona-Zeiten haarspalterisch auf seinen Freiheitsrechten besteht, verkennt, dass man nach einem möglichen Corona-Tod ja auch keine Freiheitsrechte mehr hätte. Daher lautet die vorausschauende politische Devise: Schränken wir die Freiheitsrechte doch gleich ein, wenn wir damit Corona-Tote verhindern können. Anders gesagt: Besser unfrei als tot. Das leuchtet ein. Oder möchten Sie lieber frei und tot sein als lebendig und unfrei? Ähm, ja, ich weiß, es soll schon Verrückte gegeben haben, die im Kampf für die Freiheit gestorben sind, aber ich bitte Sie: Minderheitenpolitik war gestern. Heute sind wir froh, dass sich die Mehrheit mal wieder einig ist. Und diese Mehrheit findet nun mal, dass es sich sicher besser lebt als frei. Außerdem eröffnet Kretschmanns Weisheit uns viele weitere Möglichkeiten, Tode zu verhindern. Und das lassen wir uns doch nicht entgehen.

Gesundheitsschutz an erster Stelle

Corona zeigt uns endlich einmal wieder, wozu Regeln und Verbote nützlich sind. Als nächstes könnten wir zum Beispiel das Rauchen verbieten. Das würde allein in Deutschland jährlich 121´000 Menschen das Leben retten. Schwer fallen dürfte uns das nicht: Nach dem Tod ist es mit dem Rauchen ja eh vorbei. Das einzig Dumme: Die CDU müsste sich für ihren nächsten Parteitag einen neuen Sponsor suchen, da die Tabakindustrie den Raucher-Lockdown nur schwerlich überstehen dürfte. Aber wenn man damit Leben retten kann, wird man nach vielen Jahren vertrauensvoller Zusammenarbeit wohl auf Philip Morris verzichten können. 

Nächster Vorschlag: Wir beenden die Mobilität. Nein, nicht fürs Klima. Klimapanik hat schließlich nicht halb so gut funktioniert, auch wenn die Erderwärmung vermutlich mehr Menschen töten wird, als es ein Coronavirus vermag. Aber mehr als 3´000 Tote auf deutschen Straßen sind für unsere neue gesundheitsbewusste Gesellschaft dann schon ein Argument. Schließlich ist es mit der Mobilität nach dem Tod auch vorbei. Hinzu kommen die tragischen Toten auf Schienen und in der Luft. Was? Sicherste Verkehrsmittel? Zu vernachlässigen? Ich bitte Sie: Auch Zugfahrer kann es tödlich treffen. Kürzlich erst starb sogar der Lokführer eines Güterzuges hier im badischen Auggen, als sein Zug auf ein riesiges Betonteil krachte. Ein Mann Besatzung, ein Toter. Das sind 100 %, wenn ich das richtig sehe. Ohne Züge wäre das nicht passiert, da soll sich niemand in falscher Sicherheit wiegen. Es kann jeden treffen.

Lebensschutz an seinen Grenzen

Ein dauerhafter Lockdown würde außerdem maßgeblich dazu beitragen, rund 3´000 Hautkrebstote in Deutschland zu verhindern. Das wäre wunderbar, schließlich wäre es nach dem Tod mit dem Sonnenbaden auch vorbei. Und das bisschen Vitamin-D-Mangel kriegen wir mit ein paar Pillen leicht in den Griff. 

Ich glaube, das Prinzip ist jetzt klar: Auch 74´000 Alkoholtote und 175´000 Diabetestote können wir auf diese einfache Art verhindern. Einfach Alkohol und Zucker verbieten, Konditoreien schließen (die Kneipen sind ja eh schon zu) und verpflichtende tägliche Gymnastik für die "Volksgesundheit", das lässt sich mit einer App ganz einfach freiwillig überwachen. Und bald schon werden wir einen großen Teil der jährlich 900´000 Toten verhindert haben.

Besonders eindrücklich aber finde ich last but not least: In Deutschland sterben jährlich bis zu 20´000 Menschen an Krankenhauskeimen. Vielleicht sollten wir in Erwägung ziehen, den Betrieb von Krankenhäusern einzustellen. Ernsthaft! Nach dem Tod behandelt uns schließlich auch niemand mehr.

Oder mache ich da etwa einen Denkfehler?

PS: Vielleicht vorher einen Texter fragen

Ich möchte nicht pietätlos erscheinen, aber: Wer verhindern möchte, dass wichtige Statements so leicht in die Pfanne zu hauen sind, sollte vielleicht vorher mal einen Kommunikationsprofi fragen. Oder vielleicht doch dem Deutschunterricht einen etwa höheren Stellenwert einräumen, als Winfried Kretschman das zuletzt getan hat? Und übrigens: Ernsthaft kann ich auch.

05.05.2020

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