Texter über Kretschmann: Wozu es Rechtschreibung braucht

Von Mirja Stöcker
"Rechtschreibung gehört nicht zu den gravierenden Problemen der Bildungspolitik", sagte unser baden-württembergischer Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu Beginn des Jahres. Wer nämlich heute mit h schreibt, ist also bloß ein vertrauensvoller Mensch, weil er sich zu Recht auf die Autokorrektur verlässt? Das klingt, als sei Rechtschreibung eine bloße Oberflächenpolitur. Ob das stimmt?

"Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken"

Platon bezeichnete das Denken als das innere Gespräch der Seele mit sich selbst. Durch Sprache wird man sich selbst also erst klar, was man denkt. Vielleicht befand Friedrich Dürrenmatt deshalb: «Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken». Jedenfalls machen Dichter und Wissenschaftler, obwohl ihr Denken reichlich unähnlich ist, immer wieder dieselbe Erfahrung: Auch der genialste Gedanke ist erst fertig, wenn man ihn in seiner kürzesten und klarsten Form auf den Punkt gebracht hat. Nun ist er außerdem kommunizierbar geworden. Und was brächte der genialste Einfall, wenn man ihn niemandem mitteilen könnte?

Wie ein Gedanke auf die Welt kommt

Daher ringen alle Kreativen in der Welt – seien es nun Dichter, Wissenschaftler, Unternehmer oder Gründer oft Monate lang mit Worten. Manchmal ist das ein unfaires Ringen, denn auch wer es in seinem Fachgebiet zu Genialität gebracht hat, ist deswegen nicht unbedingt auch ein Sprachgenie – und die deutsche Sprache ist nun mal kompliziert. Aus diesem Grund halte ich es als Texterin mit Sokrates, der von sich selbst sagte, er sei eigentlich bloß die Hebamme für die Gedanken der Anderen. Erst zuhören und den Gedanken ertasten, der da gerade auf die Welt kommen will; dann Wort für Wort nachhelfen. Das ist sicher oft ein schmerzhafter Prozess – aber es ist wie bei einer richtigen Geburt: Drin bleiben ist auch keine Lösung.

Geniale Gedanken wollen geteilt werden

Wer Rechtschreibung, Syntax und Grammatik paukt und wer die Feinheiten von sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten und rhetorischen Figuren studiert, lernt aber noch etwas anderes: Einen Gedanken in einen verständlichen Satz zu bringen. Und nur sofern man in der Lage ist zu bemerken, dass der Satz noch nicht verständlich ist, kann man auch bemerken, dass der Gedanke noch geschärft werden sollte. Nicht selten machen die Urheber genialer Gedanken nach der trefflichen Formulierung durch den Texter die überraschende Erfahrung, dass sie sich ihres eigenen Gedankens erst jetzt voll und ganz bewusst werden. Die Vorstellung, in einer immer komplexeren Welt könnten immer spezialisiertere, vielschichtigere Ideen und Konzepte in zunehmend ungenauer Sprache mitgeteilt und verstanden werden, ist absurd. Leider legte Winfried Kretschman selbst kurze Zeit später ein etwas unrühmliches Zeugnis davon ab, als er Freiheitseinschränkungen während der Corona-Krise damit rechtfertigte, dass es nach dem Tod mit der Freiheit ja auch vorbei wäre. Hier erwiesen sich Denken und Sprache als deutlich unterkomplex.

Was halb lackierte Autos und halbgare Texte gemeinsam haben

Ähnlich, wie man kein halb lackiertes Auto kaufen würde, obgleich einem der Hersteller versichert, dass das Auto ganz sicher schön geradeaus fährt, ist es auch mit Sprache. Ein falsch gesetztes Komma oder ein Tippfehler werden den Sinn eines Satzes zwar nur selten völlig verzerren, aber die Sätze werden viel schwerer lesbar. Dann müssen die ohnehin mit Informationen überfluteten Leserinnen und Leser die Sätze mehrfach lesen, bis sie sie verstehen. Eine Hirnhälfte fragt sich unterdessen, ob man das so schreibt, die andere zweifelt, ob jemand, der in seinen Texten schludert, die besten Produkte bietet. Die Konzentration auf den Inhalt ist dahin. Rechtschreibung ist keine unnötige Oberflächenpolitur. Sie gibt dem Text seine Geschmeidigkeit, damit nichts das Ankommen der Gedanken im fremden Hirn stört. Dass ausgerechnet der Ministerpräsident des Autolandes Baden-Württemberg das nicht versteht ... 

Genial sein ist eine Sache – seine Ideen mitzuteilen oft genug eine andere. Aber machen Sie sich keine Sorgen, wenn Sie mit einem guten Gedanken schwanger gehen: Sie haben ja Ihre Texterin. Und was die Bildungspolitik angeht: So wird mein Beruf immerhin nicht überflüssig.

03.03.2020

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